0 In Kolumne

Sonntagstratsch: Was darf Unterhaltung?

Vor einer Woche fragte mich eine Freudin: „Findest du es richtig, was da gerade passiert?“ Ich hatte keine richtige Antwort darauf. Darf man die breite Masse unterhalten auf Kosten einzelner Menschen?

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll. Immerhin bin ich mir meines Jobs und den damit verbundenen Aufgaben durchaus bewusst. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe Klatsch und ich finde es spannend, über Menschen (und ihre Abgründe) zu schreiben. Aber diese Menschen selbst in den Abgrund zu stürzen? Geht das? Oder widerspricht das unserer journalistischen Ethik, nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten?

An dem Tag, als die Fotos, die einige Tage vorher anonym per Mail kamen, von einer einschlägigen Nachrichtenseite veröffentlicht wurden, war ich schon zu Hause – Frühdienst und so. Wer es noch nicht mitbekommen hat (ja, ich habe festgestellt, es gibt tatsächlich auch nach einer Woche noch Menschen, die sich dem ganzen Theater entziehen konnten): Es geht um die Lombardis. Sarah & Pietro, das DSDS-Paar von 2011, das 2013 heiratete und einen einjährigen Sohn hat. Omnipräsent auf Facebook, etwas prollo aber, wie ich finde, super sympathisch. Ich glaube, alle meine Lombardi-Texte beginnen/begannen in etwa so: „Man kann von den Lombardis halten was man will, aber Sarah & Pietro führen eine absolute Vorzeige-Ehe.“

Jetzt soll Sarah ihren Pietro betrogen haben, besagte vermeintliche Beweisfotos gingen an diverse Medien. Wer sich letztendlich entschied, die zu veröffentlichen? Logisch. Auch die nächsten Tage rissen die Nachrichten und Neuigkeiten nicht ab, was verriet, dass das Thema klickt. Es verkauft sich. Die Leute wollen mehr. Also drehen nicht nur Bild & Co. nach, sondern auch wir. Wir drehen nach und nach und nach, bis wir vor lauter Drehwurm nicht mehr wissen, wo oben und unten ist und was schon geschrieben wurde. Es ist fast, als wäre ich hautnah dabei gewesen, als hätte ich, wie Daniela Katzenberger einst so schön schrieb, „unterm Ehebett gelegen“. Es tat mir selbst ein bisschen weh, immerhin war ich erklärter Fan der sympathischen Familie. Und jetzt soll das Ganze brökeln?

Was mich allerdings viel mehr beschäftigt: Darf Unterhaltung eine Ehe zerstören? Wo hört das Geschäft auf und wo fängt der Anstand an? Klar ist, dass der Online-Journalismus von Zahlen lebt. Je mehr Klicks, desto besser. Je mehr gelesen wird, desto mehr wird darüber geschrieben. Bei Brangelina lief es genauso. Erst die Wahnsinnsmeldung der Scheidung: Und dann wurde über die vergangene Ehe geschrieben, über die Kinder, über die ersten Anzeichen, über mögliche Gründe, FBI-Einsätze, Drogen & Alkohol & Kindesmissbrauch, Nannys und Bodyguards und Insider packten aus. Und über Wochen bekamen die Leute nicht genug davon (danke dafür).

Und trotzdem war Brangelina etwas anderes: Denn da ging La Jolie selbst damit an die Öffentlichkeit. Wir arbeiteten nur damit. Im Falle Lombardi erfuhr Pietro erst über die Medien von dem Betrug seiner Frau (oder auch nicht), so oder so ging dem Ganzen keine offizielle Aussage voraus. Kein „Wir sind getrennt“ oder „Wir machen Pause“. Von daher fand ich die Frage meiner Freundin mehr als berechtigt. Immerhin ist es ungeschriebenes Gesetz, als Journalist etwa keinen Sportler als schwul zu outen, selbst wenn man ganz genau weiß, wer mit wem wann und wo unterwegs war. Selbst wenn man die Fotos kennt, die nicht an die Öffentlichkeit geraten. Was unterscheidet sexuelle Orientierung von einer Ehe? In beiden Fällen ändert sich für die betroffene Person alles. Und nein, „die sind immerhin Personen des öffentlichen Lebens“ zählt nicht als Rechtfertigung (gerne in den Social Media propagiert). Ja, wer so offen seine Liebe und Familie zelebriert wie die Lombardis, muss sich einiges über Kindeserziehung etc. anhören. Aber ob Sarah ihren Mann betrügt und ob oder wann sie ihm das gesteht, ist ihre Entscheidung. Es ist ihr Leben. Eigentlich.

Ich habe jetzt eine Woche lang über die Lombardis geschrieben, in allen Facetten. Und bis jetzt habe ich noch keine Antwort auf die Frage meiner Freundin gefunden. Natürlich wäre es dumm von uns, nicht auf den Zug aufzuspringen, sobald die Fotos draußen in der Welt sind. Einzelne würden es wohl persönliche Integrität nennen, eine vorbildliche moralische Entscheidung, nicht darüber zu schreiben. Aber wenn wir ehrlich sind, leben Journalisten nicht von Luft und Liebe. Online noch viel weniger als im Print. Sagt das etwas über uns als Menschen aus? Oder ist es einfach ein Job, der gemacht werden muss, so wie der Metzger auch nur seine Arbeit tut?

Natürlich haben wir intern genug diskutiert. Ist die ganze Geschichte womöglich nur PR? Wieso macht man Selfies mit seiner Affäre? Sind die Fotos Montage, kommt bald die ganz große (medienwirksame) Versöhnung? Ich habe immer noch keine Antwort gefunden, zumindest keine, die sich hier irgendwie niederschreiben ließe. Letztendlich bin ich nur zu dem (vorläufigen) Schluss gekommen: Solche Grenzgänge sind genau das, was unsere Arbeit mit und über Menschen so spannend macht. Es erlaubt uns zu reflektieren, den eigenen Anstand immer neu zu überdenken, etwas mehr über sich selbst – und die Menschen generell – zu lernen. Schließlich ist da draußen nicht alles schwarz und weiß.



Kleiner Scherz, ha.

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply